AfB-Antrag zur Inklusion vom 12. Juni 2010

Für eine sozialdemokratische Bildungspolitik unter inklusivem Vorzeichen – Wege zur Inklusion in Niedersachsen

Inklusion ist in Niedersachsen zunehmend in aller Parteien Munde. Bildungspolitiker der Regierungsparteien, die sich im übrigen nach wie vor für das gegliederte Schulwesen einsetzen und die Gründung von Gesamtschulen durch schikanöse Auflagen verhindern, sprechen sich neuerdings zugleich dafür aus, die Zeit für Inklusion, für die gemeinsame Erziehung und Beschulung von Kindern mit und ohne Beeinträchtigungen und Behinderungen, sei gekommen, und schon zum neuen Schuljahr werde man in die Inklusion einsteigen.
Mit keinem Wort gehen sie allerdings auf den Widerspruch ein, wie sie die zentrale Forderung der Inklusion – die Schaffung der einen Schule für alle Kinder – in einem Schulsystem umsetzen wollen, das Kinder schon nach der Grundschulzeit sortiert und unterschiedlichen Schulformen zuweist.
Es gibt natürlich auch keine Antwort darauf, welche Schulen inklusiv werden sollen – dürfen etwa verhaltensauffällige Kinder künftig mit der Regelbeschulung auf einem Gymnasium rechnen? - und es ist gibt auch keine Angaben dazu, was Inklusion kosten darf und welche Ressourcen die Landesregierung dafür zur Verfügung stellt.
Inklusion droht in einer begrifflich, pädagogisch und materiell verwässerten Billigversion eingeführt zu werden.
Demgegenüber orientiert sich sozialdemokratische Bildungspolitik sowohl im Verständnis von Inklusion als auch in Fragen der Umsetzung an internationalen Maßstäben: an den Vorgaben der von der Bundesrepublik Deutschland unterzeichneten UN-Konventionen über die Kinderrechte sowie über die Rechte Behinderter einerseits, an den Standards für Schulorganisation, personelle und materielle Ausstattung andererseits, über die unter Inklusionsforschern Konsens besteht und die in Staaten, die uns in ihrer inklusiven Entwicklung voraus sind, als selbstverständlich gelten.
Zentraler Gesichtspunkt der UN-Konventionen ist die Betonung der uneingeschränkten Geltung der Menschenrechte. Die Konventionen schaffen also keine neuen Grundrechte für besondere Gruppen, sondern sie bestehen nur konsequent darauf, dass Menschenrechte auch wirklich für alle gelten.
Zu diesen Rechten zählt die UN-Konvention den ungehinderten Zugang und die optimale Förderung aller Kinder und Jugendlichen in öffentlichen Einrichtungen, unter anderem in Schulen, die allen gleichermaßen offenstehen. Nur solche Schulen sind im Sinne der UN inklusive Schulen, sie zeichnet ein eigenes Selbstverständnis, eine eigene Pädagogik, ein eigenes System aus. In diesen Schulen geht es um die bestmögliche Förderung der Schwächsten und Benachteiligten ebenso wie um die Schaffung idealer Lernbedingungen für Hochbegabte und Ausnahmetalente; es geht um Respektierung individueller Besonderheiten durch individuelle Lernbegleitung und differenzierte Angebote für gemeinsames Lernen in der Gruppe.
Dieser Position fühlen sich Sozialdemokraten verpflichtet, und ihre Bildungspolitik orientiert sich deshalb an den Grundsätzen: Wer in Niedersachsen diese eine inklusive Schule will, muss auch den Umbau des bestehenden Schulwesens betreiben. Wer von Inklusion redet, darf den damit verbundenen Rückbau des gegliederten Schulwesens nicht verschweigen. Inklusion kann nur in dem Maße ausgebaut werden, indem das gegliederte Schulwesen abgebaut wird.

Aus diesen Grundsätzen ergeben sich einige schulpolitische Zielsetzungen, die bestätigt werden durch die Standards in Staaten mit einem fortschrittlicheren Schulsystem:

  • Inklusion gelingt dort, wo Kinder und Jugendliche gleich welchen Geschlechts, sozialer Herkunft, spezifischen Lebensbedingungen oder Kultur ganz selbstverständlich zusammen leben und lernen – ob das Kindergärten, Grundschulen oder Integrierte Gesamtschulen sind; diese Lernorte für alle sind entsprechend auszustatten bzw. auszubauen, so dass sie in angemessener Qualität und flächendeckend in Stadt und Land zur Verfügung stehen. Im Besonderen heißt das, dass den Anträgen der Schulträger nach Errichtung neuer Integrierter Gesamtschulen nachzugeben ist und die Einschränkungen bei der Errichtung wie Fünfzügigkeit und unbedingter Erhalt von Schulen des gegliederten Schulwesens aufzuheben sind.
  • Die Arbeit der bestehenden Integrierten Gesamtschulen, an der sich die Neugründungen orientieren können, beweist: Das inklusive Konzept ist die aktuelle Ausformulierung des Gesamtschulgedankens und die Bestätigung des Grundsatzes, nach dem Gesamtschulen vor 40 Jahren angetreten sind: für Chancengleichheit zu sorgen in einer Gesellschaft, in der die Chancen nach wie vor ungleich verteilt sind und die nach wie vor Benachteiligung und Ausgrenzung aus sich heraus produziert.
  • Eine angemessene Qualität inklusiver Bildung und Erziehung ist nur erreichbar, wenn die oben genannten Systeme als verbindliche Ganztagseinrichtungen geführt werden. Nur sie ermöglichen eine Betreuung, die soziale Benachteiligungen und körperliche, kognitive oder geistige Beeinträchtigungen aufzufangen und kompensatorisch zu wirken vermag.
  • In inklusiven Schulen arbeiten Förderlehrkräfte und Fachlehrkräfte in Teams zusammen; sie bringen ihre unterschiedlichen Kompetenzen in eine gemeinsame Reflexion ein, die sich systemisch auf Lerngruppen, Klassen, ja auf die ganze inklusive Schule bezieht. Nicht die gesonderte, besondere Behandlung des Kindes „mit Förderbedarf“ bestimmt den pädagogischen Blick, sondern gemeinsames und individuelles Lernen für alle. Die Lehrerbildung muss diesen Gesichtspunkten Rechnung tragen.
  • Die Zuweisung von Stellen und Stunden für Förderlehrkräfte für die inklusive Beschulung darf in Zukunft nicht mehr von der Abstempelung bestimmter Kinder abhängig gemacht werden, auf die bezogen ein „besonderer“ Förderbedarf und damit Lehrerstunden gewährt werden. Es ist absurd, Ressourcen für Inklusion daraus abzuleiten, dass man sie mit der Stigmatisierung „besonderer“ Kinder begründet. Vielmehr sollte nach dem Vorbild inklusiv arbeitender staatlicher Schulsysteme in anderen Ländern davon ausgegangen werden, dass ein bestimmter Prozentsatz von Kindern im Lauf ihrer Schulzeit in bestimmten Krisensituationen auch einen sonderpädagogischen Förderbedarf benötigt. Der Gesamtbedarf an in Niedersachsen benötigten Stunden für Förderlehrkräfte sollte sich an den Durchschnittswerten orientieren, die als Standard in der Inklusionsforschung und in der Praxis fortgeschrittener inklusiver staatlicher Systeme gängig sind.
  • Inklusive Schulen funktionieren nachhaltig als Schulen, die sich zu ihrer Gemeinde hin öffnen und von dieser z.B. bei der Berufsvorbereitung aktiv durch kommunale Integrationsmaßnahmen unterstützt werden. Ein inklusives Bildungssystem ist Bestandteil einer inklusiven Stadt oder Gemeinde.

Die Verwirklichung dieser mit Inklusion verbundenen Ziele erfordert zugleich einen veränderten Umgang mit Ressourcen:

  • Beim Umbau des Schulsystems unter dem Vorzeichen der Inklusion müssen personelle und materielle Ressourcen aus dem Bereich der Förderschulen in das allgemeinbildende Schulwesen verlagert werden. Schon aus Kostengründen müssen Förderschulen zu Gunsten von inklusiv arbeitenden Schulen zurückgebaut, ggf. in Kompetenzzentren umgestaltet werden. Zu prüfen ist, in welchem Umfang es nötig sein wird, zum Wohl bestimmter behinderter Kinder Förderschulen in eingeschränktem Umfang zu erhalten.- Keinesfalls darf die Reduzierung von Förderschulen dazu führen, dass die freiwerdenden Ressourcen dem Bildungswesen entzogen werden und der Staat auf Kosten des Umbaus spart.
  • Wenn Inklusion nicht nur verstanden werden soll als Übertragung der Verantwortung und Zuständigkeit für Inklusion auf die wenigen bestehenden Integrierten Gesamtschulen, dann ist sukzessiv ein Ausbau der Gesamtschulen zu Lasten der Schulformen des gegliederten Schulwesens erforderlich. Dieser leitende Gesichtspunkt sollte, wenn Inklusion ernst genommen wird, die Schulplanung von Land und Kommunen bestimmen.
  • Wenn Inklusion u.a. verstanden wird als Kompensation bei körperlichen, geistigen, entwicklungsbedingten, aber auch sozialen Benachteiligungen, dann muss sie so früh wie möglich ansetzen. Das bedeutet einen verstärkten Einsatz der Mittel in den Bereich der vorschulischen Bildung, Grundschule und frühen Sek. I, damit einerseits hier personell sich hochqualifiziertes Personal engagiert und andererseits „sächlich und personell“ Ganztagserziehung geleistet werden kann.
  • Inklusion ist in keiner Weise „billig zu haben“: Es darf nicht nur bei der Bestandswahrung von finanziellen Ressourcen im Schulwesen bleiben, sondern es müssen Ressourcen hinzukommen.
  • Schulen benötigen in demselben Maße und der Größenordnung, in dem sie sich für benachteiligte oder beeinträchtigte Kinder öffnen, auch entsprechende Ressourcen. Davon sollten künftig Lehrerzuweisung, Klassengrößen etc. abhängig gemacht werden. Entsprechende wissenschaftliche Empfehlungen und Praxiserfahrungen liegen vor.

Beschlossen auf der AfB-Landeskonferenz am 12. Juni 2010 in Hannover