AfB Region Hannover zur Inklusion

Grundsatzpapier der AfB Region Hannover

Die AfB begrüßt die UN-Konvention, die ein inklusives, allgemeines Bildungssystem und den ungehinderten Zugang und optimale Förderung aller Kinder und Schüler in öffentlichen Einrichtungen fordert.

Der Weg zu einem Inklusiven Bildungssystem bedeutet eine grundlegende Veränderung in der Betreuung, in der Bildung, in den Freizeiteinrichtungen, in der beruflichen Bildung und in der Teilhabe an der Arbeitswelt. Für Deutschland bedeutet dies entscheidene Veränderungen in den staatlichen Institutionen, in den gesellschaftlichen Organisationen und in der grundsätzlichen Haltung jedes einzelnen Mitmenschen: Zurzeit werden in Deutschland 83 % der Mädchen und Jungen mit sonderpädagogischem Förderbedarf in speziellen Förderschulen unterrichtet
Diese grundlegende Veränderung bedeutet, dass bei der Umwandlung des Bildungssystems, bei der Auflösung von Förderschulen oder der Umwandlung in Kompetenzzentren die personellen und materiellen Ressourcen im Bildungssystem bleiben. Sowohl die Anzahl der Lehrkräfte als auch der Führungskräfte muss erhalten bleiben und auf veränderte Strukturen angepasst werden.
 

Ein inklusives Betreuungs- und Bildungssystem beruht auf einer grundlegenden Umgestaltung der Einrichtungen, so dass nahezu alle Kinder und Jugendliche diese Einrichtungen besuchen können - z.B. Barrierefreiheit, Veränderung in der akustischen Gestaltung der Räumlichkeiten, Regelung der Schülerbeförderung.


Zweite Säule des Bildungssystems sind die subsidiären Systeme, der Eingliederungsilfen, die zusätzlich dem jeweiligen Schüler bzw der Schülerin je nach spezifischen Förderbedarf zur Verfügung gestellt wird. Notwendig ist, die Organisation der Bereitstellung der Unterstützungsleistungen so zu gestalten, dass für die Eltern ein Ansprechpartner bzw eine Ansprechpartnerin da ist, unabhängig von der finanziellen Grundlage der jeweiligen Unterstützungsleistung. Viele Unterstützungsleistungen sind an einzelne Personen gebunden – es muss ermöglicht werden, dass die Unterstützungsleistungen an einzelne Personen in konkrete Angebote der Einrichtungen wie z.B. einer Krankenstation gebündelt werden.
 

Die Umgestaltung der Schulen in inklusive Schulen erfordert aber auch zusätzliche Ressourcen – kleinere Klassen, Beratungszeit für die beteiligten Lehrkräfte, Sonderpädagogische Koordinatorenstellen als Mittler zwischen Regelschule und Förderzentrum). Die Landesregierung wird aufgefordert, diese Ressourcen bereitzustellen. Von diesen Ressourcen werden alle Schülerinnen und Schüler profitieren, da sie eine optimalen individuellen Förderung erst ermöglichen.
 

Die bislang zugestandenen Lehrerstunden für die sonderpädagische Grundversorgung für den Primarbereich (2 Sonderschullehrerstunden pro Woche und Klasse) und für die Integrationsklassen im Sek-I-Bereich sind der Minimalstandard und muss mindestens gewährleistet sein. Für Regionalen Besonderheiten müssen weitere Sonderschullehrerstunden und Mittel für pädagogische MitarbeiterInnen bereit gestellt werden.
Mit der Umgestaltung der Schulen muss eine bessere Nutzung der vorhandenen Ressourcen erfolgen. Die individuelle Förderung setzt so früh wie möglich an – im Vorschul-, Grundschul-, und frühem Sek.-I Bereich und macht daher aufwendige „Nachbesserungen“ überflüssig..
 

Die AfB sieht sich durch die UN-Konvention bestätigt, auch in Deutschland eine Schule für Alle zu schaffen. Das Bildungswesen in den europäischen Nachbarländern und in den Ländern, die in den PISA-Tests an erster Stelle stehen, hat zwei Merkmale, die dies Bildungswesen vom deutschen unterscheiden: Eine Schule für Alle und Verbindlicher Ganztagsunterricht. Ein inklusives Bildungssystem ist ohne diesen „internationalen Standard“ nicht denkbar.

Die AfB fordert daher die Landesregierung auf, den Anträgen der Gemeinden und Städte nach Errichtung neuer Gesamtschulen nachzugeben und die Einschränkungen bei der Errichtung neuer Gesamtschulen wie Fünfzügigkeit und unbedingtem Erhalt eines Schulsystems mit Haupt- und Realschule in der Gemeinde aufzuheben.
 

Die inklusive Schule kann nur eine verbindliche Ganztagsschule sein. Nur verbindliche Ganztagschulen ermöglichen die Umgestaltung des Unterrichtes und erhöhen die Chancengleichheit bei Kindern mit unterschiedlicher sozialer Herkunft. Die SPD Niedersachsen fordert daher die Landesregierung auf, die Errichtungssperre von verbindlichen Ganztagsschulen aufzuheben und konsequent verbindliche Ganztagsschulen mit entsprechender Unterstützung des Landes zu genehmigen.
 

Die Umgestaltung in inklusive Schulen hat Konsequenzen für die innere Gestaltung der Schulen: die Anwesenheit mehrerer Personen im Unterricht und Team-Teaching und die Anwendung von Methoden eigenverantwortlichen Erarbeitung der Schülerinnen und Schüler werden zu einer Selbstverständlichkeit bei der individuellen Förderung der Schülerinnen und Schüler.
 

Die SPD Niedersachsen fordert die Landesregierung auf, Inklusion in das Schulgesetz aufzunehmen.

Inklusive Pädagogik muss ein selbstverständlicher Schwerpunkt in der gesamten Lehreraus- und -fortbildung aller Lehrkräfte werden.

Inklusion setzt von der Geburt aus an. Daher kann die Umsetzung der UN-Konvention sich nicht auf den Lernort Schule beschränken, sondern hat Folgen für alle Einrichtungen und Institutionen, in denen sich Menschen treffen. Ein inklusives Bildungssystem ist Bestandteil einer inklusiven Gesellschaft, einer inklusiven Stadt, eines inklusiven Stadtteils.

Beim Weg zur Inklusion müssen daher alle Einrichtungen eines Stadtteils und einer Gemeinde beteiligt sein, so dass die Teilnahme aller Kinder und Jugendliche im Hort, im Kindergarten, in der Schule, im Sportverein, in der Kirchengemeinde, beim Weg in den Beruf ganz selbstverständlich ist.

Schon die Ansätze von Integration und Kooperation mit Förderschulen haben gezeigt, dass es sehr unterschiedliche Wege gibt. Regionale Bildungskonferenzen, bei denen alle Schulen und Einrichtungen eines Stadtteils ihre Zusammenarbeit beim gemeinsamen Weg zu einer inklusiven Gesellschaft gehen, sind daher zu unterstützen.

Die AfB fordert die Landesregierung auf, einen Landesaktionsplan zur Umsetzung der Konversion 2010 für die verschiedensten Bereiche der Gesellschaft zu entwickeln, in dem die Schritte zur Umsetzung der inklusiven Bildung in Niedersachsen formuliert und der finanzielle, personelle, wie auch zeitliche Rahmen festgesetzt werden.

Begründung

Am 26. März 2009 trat die UN-Konvention in Deutschland in Kraft, die ein inklusives, allgemeines Bildungssystem vorsieht. Bisher besuchen hierzulande die meisten Mädchen und Jungen mit sonderpädagogischem Förderbedarf verschiedene Förder- oder Sonderschulen. Nur rund 17 Prozent bundesweit werden gemeinsam mit anderen Kindern unterrichtet. Mit seiner Quote bildet Deutschland innerhalb Europas das Schlusslicht.

In Art. 24 des Übereinkommen heißt es – zitiert nach Bundesgesetzblatt von 2008 (Bonn): „Die Vertragsstaaten anerkennen das Recht von Menschen mikt Behinderungen auf Bildung. Um dieses Recht ohne Diskriminierung und auf der Grundlage der Chancengleichheit zu verwirklichen, gewährleisten die Vertragsstaaten ein integratives Bildungssystem (im Englischen: inclusive education system) auf allen Ebenen und lebenslanges Lernen mit dem Ziel, …“

Ein inklusives „Bildungssystem“ muss daher von vorn herein auf die unterschiedlichen Bedürfnisse aller Kinder, eben auch der behinderten Jungen und Mädchen, eingestellt sein. Die deutsche Übersetzung mit „integrativ“ bedeutet, dass sich die behinderten Kinde in eine vorgefundene, nicht auf sie zugeschnittene Schulstruktur integrieren müssen. Das kann nicht im Sinne der UN-Konvention sein.

Inklusion ist die Vermeidung und Überwindung der Trennung von Kindern und Menschen wegen ihres anders sein - wegen ihrer Handicaps, wegen ihrer anderen Sprache, wegen ihrer anderen Kultur – und zwar von Geburt an.

Der Weg zur Inklusion bedeutet die Aufhebung der Trennung von Kinder und Jugendlichen mit dem Ziel alle Kinder und Jugendliche individuell zu fördern in Kindergärten und Schulen, die grundsätzlich offen sind für alle Kinder und Jugendlichen und Niemanden ausschließen oder auswählen.

Der Weg zur Inklusion bedeutet auch die Abschaffung von Selektionen und Aufteilung auf unterschiedliche Schulformen. Oder noch deutlicher: In einem inklusiven Bildungssystem darf keinem Kind verwehrt werden, auf eine Schule seiner Wahl zu gehen.

Der Weg zur Inklusion bedeutet die Umwandlung von Förderschulen in Förderzentren, in Kompetenzzentren und in Orte, in denen subsidiär und temporär sonderpädagogische Förderung stattfindet, die in den „Regelschulen“ nicht leistbar ist. In Kompetenzzentren sollten mehrere Förderschwerpunkte vertreten sein, so dass eine regionale Zuständigkeit von Kompetenzzentren für die Schülerinnen und Schüler mit den Förderschwerpunkten möglich ist, die an fast allen Schulen vorzufinden sind.

Bei einigen Förderschwerpunkten kann es sinnvoll sein, die sonderpädagogische Betreuung nicht an allen Schulen vorzuhalten, sondern regional zu bündeln und auch die Kompetenzzentren einen größeren regionalen Bereich zuzuordnen.

Zurzeit bedeutet die Einrichtung von Regionalen Integrations-Konzepten in den Grundschulen Niedersachsens naturgemäß, dass die Zahl der Schülerinnen und Schüler in den Förderschulen sinkt. Da die Funktionsstellen in den Förderschulen sich nach der Zahl der Schülerinnen und Schüler richtet, verlieren die Förderschulen, die sich für Teilnahme an einem Regionalen Integrationskonzept beteiligen, die Konrektorstelle, obwohl die Zahl der betreuenden Lehrkräfte gleich bleibt und der Koordinationsaufwand durch die Aufteilung der Lehrkräfte auf die Grundschulen steigt.

Mit der Einrichtung von Integrationsklassen und Realisierung inklusiver Konzepte im Bereich der Sek I und Sek II haben engagierte Förderschulen in absehbarer Zeit keine Schülerinnen und Schüler an ihrer Schule, sind Schulen mit Lehrkräften und ohne Schüler. Daher müssen Konzepte für Regionale Förderzentren (Kompetenzzentren) entwickelt werden, die auch mehrere Förderschwerpunkte umfassen können.