Beschluss des Ladesparteirats zur Inklusion

Trennung in der Schule überwinden – gemeinsam von Anfang an!

„Eine solidarische Bürgergesellschaft zeichnet sich auch dadurch aus, dass sie Menschen mit Behinderungen Chancengleichheit und gleichberechtigte Teilhabe ermöglicht. Auf dem Weg dahin ist noch viel zu tun, damit Barrierefreiheit erreicht wird, also Menschen mit Behinderungen Zugang zu bestmöglicher Bildung, existenzsichernder Erwerbsarbeit und ungehinderter Teilhabe am politischen, kulturellen und gesellschaftlichen Leben ermöglicht werden. Wir wollen den Belangen von Menschen mit Behinderungen gerecht werden und ihnen eine umfassende gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen.“
[Hamburger Programm, Seite 37]

„Die Vertragsstaaten anerkennen das Recht von Menschen mit Behinderungen auf Bildung. Um dieses Recht ohne Diskriminierung und auf der Grundlage der Chancengleichheit zu verwirklichen, gewährleisten die Vertragsstaaten ein integratives Bildungssystem auf allen Ebenen (…) Bei der Verwirklichung dieses Rechts stellen die Vertragsstaaten sicher, dass Menschen mit Behinderungen nicht aufgrund von Behinderung vom allgemeinen Bildungssystem ausgeschlossen werden“
[VN-Behindertenrechtskonvention, Artikel 24]

Teilhabe in Bildung

Kinder und Jugendliche brauchen individuelle Förderung und Unterstützung: in der Krippe, im Kindergarten, in der Schule und während ihrer Ausbildung. Das gilt für hochbegabte Kinder und Jugendliche genauso wie für Kinder und Jugendliche aus sozial schwierigen Verhältnissen, für Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund oder für Kinder und Jugendliche mit einer Behinderung.

Unterstützung folgt dem Kind – nicht umgekehrt

Jedes Kind und jeder Jugendliche hat das Recht auf ein selbstbestimmtes Leben und auf optimale Förderung. Sie haben das Recht darauf, diese Unterstützung in ihrem alltäglichen Umfeld zu bekommen, unabhängig von der Wahl des Wohn- bzw. Bildungsortes. Heute können Kinder und Jugendliche mit Behinderung gegen ihren bzw. gegen den Willen ihrer Eltern einer speziellen Förderschule zugewiesen werden, d.h. der sonst garantierte Elternwille gilt hier nicht.

Selbstbestimmung braucht Bildungschancen

Jedes Kind und jeder Jugendliche hat ein Recht auf faire Bildungschancen. Sie sind Voraussetzung für Teilhabe und ein selbstbestimmtes Leben. Deswegen sollen alle Jugendlichen die Möglichkeit bekommen, einen Bildungsabschluss zu erlangen. Faire Bildungschancen für alle sind die Grundlage für soziale Gerechtigkeit überhaupt. Bildung ist Menschenrecht. Kein Kind darf von der Gesellschaft zurückgelassen werden.
Weit mehr als zwei Drittel der Kinder an Förderschulen erreichen heute trotz des großen Engagements des dort tätigen Personals keinen Hauptschulabschluss. Der überwiegende Teil dieser Jugendlichen nimmt im Anschluss an die Förderschule eine Tätigkeit in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung auf. Für lediglich rund 2 Prozent der Beschäftigten in Werkstätten für Menschen mit Behinderung (WfbM) eröffnet sich im Anschluss daran eine Perspektive auf dem ersten Arbeitsmarkt.
 

Mit der Förderschule beginnt für Menschen mit Behinderung in der Regel ein Leben in einem ausgrenzenden Wohn- und Arbeitsumfeld.
 

Studien belegen, dass Kinder und Jugendliche mit Behinderung, die auf einer Regelschule gemeinsam mit nicht behinderten Kindern unterrichtet werden, bessere Chancen auf einen Schulabschluss und eine Beschäftigung auf dem ersten Arbeitsmarkt haben.
 

Studien belegen darüber hinaus, dass sich auch für Kinder ohne Förderbedarf der gemeinsame Unterricht positiv auswirkt – nicht nur bei Entwicklung sozialer Kompetenzen.
 

Alle profitieren von der Praxis individueller Förderung, die in einer inklusiven Schule konsequent verankert ist. Individuelle Förderung und das natürliche Erlernen gesellschaftlicher Vielfalt sind nach den Erfahrungen unserer europäischen Nachbarn wichtige Voraussetzungen für einen erfolgreichen und wettbewerbsfähigen Bildungsstandort.
 

Inklusive Schulen ermöglichen bessere Teilhabechancen für Kinder mit Förderbedarf, die in den bisher dominierenden Förderschulen keine oder kaum eine Chance auf einen berufsqualifizierenden Abschluss haben.
Schließlich verbessert die inklusive Schule auch die Teilhabechancen von Kindern aus sozial schwachen und Zuwandererfamilien, deren Anteil in Förderschulen zurzeit überproportional ist.

Eine Schule für Alle

Die UN-Behindertenrechtskonvention fordert einen freien Zugang behinderter Menschen zum allgemeinen Bildungssystem. Die inklusive Weiterentwicklung des Schulsystems ist daher rechtlich geboten. Deutschland hat sich in einer im März 2009 rechtskräftig gewordenen UN-Konvention verpflichtet, Inklusion im Schulsystem zu verwirklichen.
 

Im internationalen Vergleich hinkt Deutschland aber hinterher: während in Spanien und Italien fast alle Schüler mit Förderbedarf in Regelschulen beschult werden und es in Großbritannien über 60 Prozent sind, sind es in Deutschland im Durchschnitt nur rund 15 Prozent. Das bedeutet: Mehr als 80 Prozent aller Kinder und Jugendlichen mit Behinderung gehen auf Förderschulen.
 

Die Entwicklung inklusiver Schulen wird das bestehende Schulsystem in Deutschland verändern. Dieser Prozess wird evolutionär verlaufen müssen, um alle Beteiligten mitzunehmen: Lehrkräfte und pädagogische Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen und weiteres Fach- und Assistenzpersonalpersonal. Neben deren angemessenen Aus- und Fortbildung sind alle Schulen auch sächlich für umfassende Inklusion auszustatten.
Ziel des Veränderungsprozesses ist es, Inklusion fortschreitend im Schulsystem zu realisieren. Dabei muss der Prozess allen gerecht werden: den Kindern, die ein individuelles Recht auf optimale individuelle Förderung haben, den Eltern, die das Beste für ihr Kind wollen und den Lehrkräften bzw. den Schulen, die über entsprechende Möglichkeiten zur Förderung verfügen müssen.
 

Die Ausstattung der Schulen wird heute meist weder materiell noch personell den Anforderungen an Regelschulen gerecht, an denen behinderte und nicht behinderte Kinder gemeinsam unterrichtet werden können. Es sollen daher Wege gefunden werden, wie Ausstattung und personelle Kapazitäten von Förderschulen an Regelschulen eingesetzt werden können. Diese Strukturen stärken den Grundsatz: Die Förderung folgt dem Kind – nicht umgekehrt.

Inklusion in allen Bereichen

Der Weg hin zu einer inklusiven Schule ist ein erster wichtiger Schritt. Inklusive Bildungsangebote müssen jedoch über den Bereich Schule hinausgehen. Wir brauchen Inklusion vom Anfang bis zum Ende, also auch in weiterführenden Bildungsgängen, in der dualen Ausbildung, an den Hochschulen bei der Frühförderung im Baby- und Kleinkindalter und in Kindergarten - Barrierefreiheit und Inklusion in allen Phasen.
 

Die Zukunft gehört inklusiven Kindergärten und Krippen; alle Kinder sollen in der nächstgelegenen Einrichtung ihres Wohnortes entsprechend ihrer Anlagen, Fähigkeiten und Kompetenzen unabhängig vom Ausmaß einer möglichen Beeinträchtigung das Höchstmaß an Förderung erhalten. Dafür sind die Voraussetzungen zu schaffen. Im gemeinsamen Alltag können Kinder mit und ohne Behinderungen das Leben und den Umgang miteinander lernen und dies damit zur Selbstverständlichkeit werden lassen.
 

Die Zukunft gehört inklusiven Hochschulen. Inklusion darf nicht nach der Schule enden. Wer für den Hochschulbesuch Hilfsmittel benötigt, soll dazu in Zukunft nicht mehr auf Sozialhilfe angewiesen sein. Eine inklusive Hochschule ist eine Schule, die allen Studentinnen und Studenten zugänglich ist und jeden und jede - unabhängig von seiner sozialen Herkunft, seiner möglichen Behinderung oder seines Migrationshintergrundes - optimal individuell fördert. Ein inklusives Bildungssystem ist Bestandteil einer inklusiven Gesellschaft.

Wir fordern die SPD-Fraktion im Niedersächsischen Landtag daher auf:

  • sich für die notwendigen personellen und materiellen Fördervoraussetzungen an Regelschulen zur Umsetzung der Inklusion einzusetzen,
  • sich dafür einzusetzen, dass das hochqualifizierte Personal an Förderschulen auch an Regelschulen eingesetzt werden kann,
  • sich für mehr interdisziplinäre Ausbildung für Lehr- und Unterstützungskräfte in der allgemeinen Ausbildung einzusetzen,
  • sich dafür einzusetzen, dass individuelle pädagogische Lehrkonzepte an Regelschulen eingeführt werden,
  • sich dafür einzusetzen, Inklusion in das Schulgesetz aufzunehmen,
  • und sich dafür einzusetzen, dass die Landesregierung einen Landesaktionsplan zur Umsetzung der UN-Konvention für die verschiedensten Bereiche der Gesellschaft entwickelt, in dem die Schritte zur Umsetzung der inklusiven Bildung in Niedersachsen formuliert und der finanzielle, personelle, wie auch zeitliche Rahmen festgesetzt werden.